Castelli Ferrieri, Anna

Bild Architektin und Designerin

In ihrem 1991 erschienen Buch Interface della materia (Die Schnittstellen des Materials) mahnt Anna Castelli Ferrieri die Designer zur Verantwortung. Sie, die der Welt zahllose neue Produkte bescheren, müssten immer auch die Konsequenzen ihrer Arbeit bedenken. Sonst nämlich könne das Design leicht zur Umweltverschmutzung geraten. Verantwortungsvolles Handeln fordert sie aber nicht nur im Design. Sie engagiert sich außerdem in der Menschenrechtsbewegung (und hier besonders für die Rechte der Frauen) und fördert in ihrer 1990 gegründeten ACF Officina den Austausch mit der jüngeren Designergeneration.
Als Designerin - eine der ganz wenigen erfolgreichen in Italien - ist sie als Meisterin eines besonders technologieorientierten Materials, des Kunststoffes, bekannt geworden. Funktionierende Serienprodukte zu entwerfen macht sie stolz, kommen doch der Erfolg sm Markt und damit die Kommunikation mit dem Benutzer durch Gebrauchsfähigkeit und ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis zustande. In ihrem Streben nach einer "Demokratisierung" von Design, das möglichst vielen zugute kommen sollte, wurde Anna Castelli Ferrieri durch den strengen Minimalisten Franco Albini geprägt. In seinem Architekturstudio machte sie in den 40er Jahren ihre ersten praktischen Erfahrungen, und mit Albini kämpfte sie nach 1945 dafür, durch moderne Architektur und Design ein demokratisches Italien aufzubauen, u.a. in der Redaktion von Casabella-Costruzioni.
Von 1959 bis 1973 beschäftigte sie sich zusammen mit ihrem Partner Ignazio Gardella mit der Inneneinrichtung für private Häuser und der Ausstattung von Büros. Auch als sie längst eine gefeierte Designerin war, entwarf sie noch als Architektin das Kartell-Gebäude in Binasco, die technischen Büros von Alfa Romeo in Arese, Wohn- und Krankenhäuser, Kirchen und Industriegebäude. 1966 wurde die Designberaterin bei Kartell, und seitdem ist die Geschichte des Unternehmens, das 1949 von ihrem Mann Giulio Castelli gegründet wurde, untrennbar mit ihrer eigenen verbunden. Für jede neue Technologie fand sie eine angemessene neue Form, die immer aus den Materialgesetzen selbst abgeleitet war. Gemeinsam mit Ignazio Gardella entwarf sie 1966 die symmetrischen Tische 4993/94. Ein typologisch ganz neues Produkt war ihr Containersystem aus ABS-Kunststoff 4970/84 von 1967. Es bestand aus mehreren Elementen, die ohne Schrauben oder Befestigungen aufeinander gestapelt werden konnten - eine kleine Architektur. Ein Bestseller gelang ihr auch mit dem Kunststoffhocker 4822/44 aus Technopolymer in Verbindung mit Metall und Polyrethan. Er markierte Ende der 70er Jahre einen Durchbruch in der Kunststofftechnologie: die Hocker bekamen erstmals "lange Beine". Dies war bis dahin nicht möglich gewesen, da kein Kunststoff die erforderte Stabilität bot. Ein glasfaserverstärkter Polyprolenschaumstoff ermöglichte nun, in ihn Metallstücke einzulassen. Das Material wurde dadurch fest wie Zement. In den 80er Jahren entwarf Castelli Ferrieri den Stapelstuhl 4870 aus Polyprolen. Kein geringeres Ziel als die Kombination von Eleganz, Stapelbarkeit, geringem Gewicht, Ergonomie, Elastizität, Widerstandsfähigkeit und einer preiswerten Herstellung sollte erreicht werden. Das Experiment gelang - Anna Castelli Ferrieri erhielt dafür den Compasso d'oro.
Fast alle ihre Produkte werden heute noch produziert, was zeigt, dass Anna Castelli Ferrieri eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht hat: erfolgreiche Serienprodukte zu entwerfen. Außer für Kartell hat sie, insbesondere in den 90er Jahren, auch für andere Hersteller gestaltet, u.a. Bestecke für Sambonet, Polstermöbel für Arflex und den Tisch Contralto für Ycami, dessen Beine sich selbstbewusst nach unten verbreitern statt verjüngen, eine optische Irritation, die den besonderen Reiz des Produkts ausmacht.

* 1920: Mailand


- 1943: Architekturstudium in Mailand abgeschlossen
- 1946: Eigenes Studio; Chefredakteurin Casabella-Costruzioni (bis 1947)
- 1959: Zusammenarbeit mit Ignazio Gardella (bis 1973)
- 1966: Kartell-Gebäude in Binasco; Sitz der Banca d'Italia Varese
- 1969: Vorsitzende der ADI (bis 1972)
- 1970: Technische Büros für Alfa Romeo (bis 1972)
- 1976: Art Director bei Kartell (bis 1987)
- 1977: Erweiterung der Kartell-Gebäude und Uffici Centrokappa in Noviglio
- 1984: Dozentin am Mailänder Polytechnikum (bis 1986)
- 1987: Dozentin an der Domus Academy (bis 1992); Compasso d'oro (auch 1995)
- 1988: Ende der offiziellen Tätigkeit für Kartell
- 1990: Gründung der Gruppe ACF Officina

Produkte
- 1966: Runde Kunststofftische 4993/94 für Kartell mit Ignazio Gardella
- 1967: Rechteckige Containerelemente aus ABS-Kunststoff 4970/84
- 1976: Kunststoff-Salatbesteck
- 1979: Hocker 4822/44
- 1981: Kunststoffsessel 4855
- 1982: Quadratischer Kunststofftisch 4300
- 1985: Kunststoffstuhl 4870
- 1986: Kunststoffstuhl 4873 (alle für Kartell)
- 1990: Sofa Segnale für Arflex
- 1993: Besteck Hannah für Sambonet
- 1994: Tisch Contralto für Ycami
- 1996: Besteck Segnale für Sambonet
- 1997: Glas Goto für Barovier & Toso


Design Beispiel: Componibili für Kartell


Design Beispiel

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