Castiglioni, Achille & Pier Giacomo
Architekten, Möbel-, Leuchten und Industriedesigner
Es war ein seltsames Szenario, das sich 1957 in der Villa Olmo in Como bot: Eisenschalen aus dem 19. Jahrhundert, ein schaukelnder Fahrradsitz, ein stilisierter Traktorsessel, von der Decke herabhängende Fernsehapparate, abstrakte Wanddekorationen und tragbare Radiotelefone waren ungezwungen nebeneinander arrangiert und bildeten ein surreal anmutendes Potpourri aus Vergangenheit und Gegenwart. Achille und Pier Giacomo Castiglioni hatten ihre Ausstellung mit eigenen und anonym gestalteten Produkten Forme e colori nella casa di oggi (Formen und Farben in der Wohnung von heute) genannt. Die Botschaft: Eine Einrichtung wird von der Qualität jedes einzelnen Objekts bestimmt, nicht von vermeintlicher Harmonie oder Gleichförmigkeit des Stils. Diesem Designkonzept sind die Castiglioni-Brüder immer verpflichtet geblieben. (Der Fahrradsattel und der Traktorsessel werden seit den 70er bzw. 80er Jahren als Sella und Mezzadro von Zanotta in Serie produziert.)
Der erste große öffentliche Auftritt war die Gestaltung der Rundfunkabteilung der VII. Triennale 1940 in Mailand, zu der Pier Giacomo mit seinem älteren Bruder Livio Castiglioni sowie Luigi Caccia Dominioni ein neuartiges und modernes Produkt in Form eines kleinen Bakelitradio beisteuerte, dessen äußere Form und technische Konstruktion direkt aufeinander bezogen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg traten die Brüder, nun verstärkt durch Achille, mit spektakulären Ausstellungsszenarien hervor. Berühmt wurden ihre perfekt choreographierten Shows für die italienische Radiuogesellschaft RAI, bei denen Livio, der dann in den frühen 50er Jahren eigene Wege ging, sich als Licht- und Tonspezialist um die audiovisuellen Effekte kümmerte. Ganz Mailand strömte herbei, um an den abenteuerlichen Shows teilzuhaben. Ausstellungsdesign ist bis heute ein wichtiges Arbeitsfeld für Achille Castiglioni, der seit dem frühen Tod Pier Giacomo im Jahr 1968 allein arbeitet. Beide hatten sich seit Anfang der 50er Jahre verstärkt dem Produktdesign zugewandt. Sie entwarfen Haushaltsgeräte, wie den bescheidenen Staubsauger Spalter, und erste Leuchten, darunter 1955 die simple Stehleuchte Luminator. Immer wieder haben die Castiglionis das Prinzip, bereits existierende Objekte zu überarbeiten und/oder in neue Zusammenhänge zu stellen, angewandt, wie bei der Stehlampe Toio für Flos, dessen Reflektor aus einem profanen Autoscheinwerfer besteht. Sie haben das Ready-made-Konzept ins Design übertragen und damit mehr als einmal einen ironischen Kommentar zum italienischen Bel Design und zu einem allzu ideologischen Funktionalismus-Konzept abgegeben. Achille Castiglioni nämlich ist sicher "dass es Design schon immer gegeben hat, dass man beim Betrachten vieler Gegenstände die Idee für ihre Erneuerung findet". Das Modell für den kleinen Tisch Cumano für Zanotta hat er z.B. in französischen Bistrotischen gefunden. Er "verbesserte" ihn, indem er ein kleines Loch am Rand der Tischplatte stanzte, so dass der Tisch auch an die Wand gehängt werden kann. In der Reihe sehen die Tische wie sezierte Käfer aus und entfalten dadurch einen augenzwinkernden, eigenen visuellen Reiz. Das Licht, der Strom und seine Diffusionstechniken haben immer eine besonders große Anziehungskraft auf die Castiglionis ausgeübt. Die Revue ihrer Leuchtenentwürfe, von denen die meisten für Flos entstanden, ist gleichzeitig ein Gang durch das moderne Lichtdesign. 1962 entwarfen sie die Bogenleuchte Arco deren Vorbild herkömmliche gebogene Straßenlaternen waren, und die monumentale Tischleuchte Taccia, bei der der Reflektor aus einer überdimensionalen Birne besteht. Anfang der 70er Jahre folgten u.a. das rundliche, unprätentiöse Lämpchen Noce, das einfachen Kellerleuchten abgeschaut ist, die erste an Seilen bewegliche Halogenleuchte Parentesi und die Hängeleuchte Frisbi mit ihren zwei Reflektoren, die diffuses Licht nach oben und gebündeltes nach unten abgibt. Achille Castiglioni entwarf außerdem die Schreibtischleuchten Tubo und Ipotenusa, die an einen Vogel erinnernde Stehlampe Gibigiano und in den 90er Jahren die edlen Hängeleuchten Brera und Fucsia. Schaut man sich die Castiglioni-Produktwelt an - in ihr finden sich außerdem das in den 60er Jahren entworfene, typologisch völlig neuartige Phonogerät RR126 für Brionvega, Uhren, Haushaltswaren für Alessi und viele Möbelentwürfe für De Padova, Gavina oder Zanotta - so ist kaum ein Personalstil auszumachen, wohl aber eine Form, die immer der inneren Logik der Objekte folgt, und viel gestalterischer Witz, der den Castiglionis siebenmal den begehrten Designpreis Compasso d'oro beschert hat.
Achille Castiglioni
* 1918: Mailand
- 2002: Mailand
- 1944: Abschluss seines Architekturstudiums in Mailand
Pier Giacomo Castiglioni
* 1913: Mailand
- 1968: Mailand
- 1937: Abschluss seines Architekturstudiums in Mailand
- 1945: Beginn ihrer Zusammenarbeit
- 1947: Ausstattung der Mostre Nazionali della Radio e Televisione in Mailand
- 1953: Ausstattung der Nationalen Haushaltsgeräteausstellungen Italien (bis 1972)
- 1955: Compasso d'oro (auch 1962, 1964, 1967; Achille Castiglioni allein: 1979, 1984, 1989)
Gemeinsame Produkte
- 1949: Tischleuchte Tubino
- 1955: Stehleuchte Luminator
- 1956: Staubsauger Spalter
- 1957: Hocker Sella (produziert ab 1983 von Zanotta); Hocker Mezzadro (produziert ab 1970 von Zanotta)
- 1960: Sessel San Luca für Gavina
- 1961: Leuchte Splügenbräu
- 1962: Tischleuchte Taccia; Bogenleuchte Arco; Stehleuchte Toio (alle für Flos)
- 1966: Stereo-Radioempfänger RR 126 für Brionvega
Achille Castiglionis Produkte
- 1970: Sessel Primate für Zanotta
- 1971: Leuchte Parentesi mit Pio Manzù
- 1972: Leuchte Noce
- 1975: Schreibtischleuchte Ipotenusa
- 1978: Hängeleuchte Frisbi (alle für Flos)
- 1979: Klapptisch Cumano für Zanotta
- 1982: Besteck Dry für Alessi
- 1983: Blumenständer Albero für Zanotta
- 1991: Büromöbelprogramm Sangirolamo für Olivetti mit Michele de Lucchi
- 1992: Leuchte Brera
- 1996: Hängeleuchte Fucsia (beide für Flos)
Design Beispiel: Arco für Flos
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